Lesende, 1932
Tuschfederzeichnung
Rechts unten signiert und datiert:
"C.Felixmüller 15.III.32"
60 x 50cm
Euro 5.800,-
Die Tuschfederzeichnung „Lesende“ von 1932 zeigt mit wenigen Linien das Halbfigurenportrait einer jungen Dame im Halbprofil mit schulterlangem, leicht gewelltem Haar mit Seitenscheitel. Mit gesenktem Kopf blickt sie in ein aufgeschlagenes Buch vor ihr, dessen Blätter sie mit ihrer linken Hand auseinander hält. Ihre angewinkelten Arme werden von den weiten Ärmeln ihres Oberteils verdeckt, das mit einer breiten, schräg über die Brust verlaufenden Schärpe verziert ist. Der Hintergrund ist ebenso wie die Auflagefläche des Buches undefiniert.
Felixmüller wendet für die Darstellung der „Lesenden“ einen auf das Wesentliche reduzierten Zeichenstil an. Er beschränkt sich größtenteils auf die Umrisse und führt mit Ausnahme der Schärpe, weniger Falten der Bluse und der Haare keine Binnenzeichnung aus; Schraffur gibt es nur an der Innenseite des linken Ellenbogens. Die Reduzierung geht so weit, dass der Künstler die rechte Hand gänzlich ausgelassen hat. Im Gegensatz zu den skizzierenden Linien des Körpers sind das Gesicht und das einrahmende Haar mit kräftigen und doch präzisen Linien detailliert ausgearbeitet. Der gesenkte Blick lässt die Augen unter den kräftigen Brauen geschlossen erscheinen und dennoch betont der Künstler sie mit einzeln ausgeführten Wimpern und durch die Darstellung des Lides mit einer einfachen, leicht gebogenen Linie. Die mit zarten Strichen gezeichnete markante Nase tritt gegenüber dem kleinen Mund zurück, auf dessen Unterlippe allein mit zeichnerischen Mitteln eine Lichtreflexion angedeutet ist. Durch diese detaillierte Wiedergabe richtet sich auch der Fokus des Betrachters auf das Gesicht der „Lesenden“. Doch sie erwidert diesen Blick nicht, da sie in ihre Lektüre vertieft ist. Dies wiederum weckt im Betrachter Spekulationen über das Thema des Schriftstückes, das seine Leserin so fesselt.
Conrad Felixmüller schafft mit dieser Darstellung des in der Kunst beliebten Motivs der lesenden Frau ein außerordentlich interessantes Beispiel, das sich perfekt in sein Schaffen einreiht: In den 1920er Jahren hatte er mit Szenen des Alltags der Menschen sein bevorzugtes Thema gefunden und gestaltet dies in der folgenden Zeit zunehmend realistisch. Während er seinen zeitgleichen Gemälden eine dem Expressionismus verpflichtete Farbigkeit verleiht, konzentriert es sich bei unserer Tuschezeichnung allein auf die Komposition, die er auf das Wesentliche reduziert und dem Werk damit eine besonders ausdrucksstarke Wirkung verleiht.
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